Die
Kunst des Lernens
Die Welt der Kampfkünste hat sich in den letzten 50 Jahren
grundlegend geändert, während meine Eltern höchstens
Judo, Jiu Jitsu und Karate kannten und kaum jemand wirklich
etwas über diese Kampfkünste wusste, haben wir heute
fast unbegrenzte Möglichkeiten. Egal ob Kampfkunst-Magazine,
Bücher, Lehrvideos oder Internet, wir haben die Möglichkeit
irgendetwas über fast jede Kampfkunst die heute existiert
in kürzester Zeit zu Erfahren. Noch nie war die Möglichkeit
des Lernens so einfach wie heute und trotzdem nutzen sie nur
die Wenigsten.
Ich möchte diesen Artikel der „Kunst des Lernens“
widmen, einer Kunst die heute oft durch die „Kunst des
Ver- und beurteilens“ ersetzt wird.
Als ich 1994 mit dem Grappling und Brazilian Jiu Jitsu Training
angefangen habe, war es noch eine völlig unbekannte Kampfkunst
in Deutschland, die auch in den Kampfkunst Magazinen kaum
Beachtung fand, das Internet war damals in Deutschland noch
lange nicht so verbreitet und so verging über ein halbes
Jahr, zwischen dem Zeitpunkt als ich etwas über das BJJ
las und als ich das erste mal BJJ in Aktion auf dem Fernsehschirm
sah. Ohne Frage war es eine revolutionäre Kampfkunst
und die Siege von Royce Gracie, taten ihr übriges dazu,
das die Gemüter erhitzt waren und die Vertreter der etablierten
Kampfkünste jede nur denkbare Ausrede gesucht haben,
um den Gracies und dem UFC ihre Legitimität abzusprechen.
Es wurden in dieser Zeit unzählige Vorurteile aufgebaut,
die man teilweise heute noch hört und man darüber
staunt das sie sich solange gehalten haben.
Aber nicht nur das Brazilian Jiu Jitsu steht in der Kritik,
eigentlich stehen alle Kampfkünste in der Kritik, denn
viele Stile, bzw. deren Vertreter sind davon überzeugt
das ihre Kampfkunst die Beste ist und alle anderen nicht,
oder zumindest schlechter funktionieren. Da wird Anhand von
Fotos und Videoaufnahmen analysiert, warum ein bestimmter
Stil nicht funktioniert und wenn man diese Menschen dann genauer
fragt, wird man feststellen, das sie noch nie solch einen
Stil praktiziert haben und nur aufgrund von Fotos, oder Videos
ihre Urteile fällen.
Genug negativ geredet, ich möchte jetzt lieber auf die
Kunst des Lernens eingehen, denn sie ist wirklich eine sehr
schöne und entspannende Kunst. Die Kunst des Lernens
besteht darin, alles was man kennenlernt erst einmal auszuprobieren
und sich die schönen und effizienten Aspekte einer Kampfkunst
klarzumachen. Obwohl ich Brazilian Jiu Jitsu als Kampfkunst
liebe, ist es unglaublich interessant von einem Boxer zu lernen,
die Strategie, das Training, die Reflexe, die explosiven und
schnellen Angriffe, das alles ist faszinierend, genau das
gleiche gilt für Ringen, Thaiboxen, Judo oder jede beliebige
andere Kampfkunst, man kann von allen etwas lernen, vielleicht
nicht immer aus den technischen Aspekten, aber aus den mentalen,
spirituellen, oder taktischen Prinzipien einer Kampfkunst,
denn jede Kampfkunst wurde aus einem bestimmten Grund heraus
geschaffen und es wäre töricht zu denken das jemand
der sein Leben lang eine Kampfkunst trainiert und kreiert
hat, sich immer nur geirrt hat und Fehler erfunden hat, wer
so etwas glaubt, hat nichts von der Kunst des Lernens verstanden.
Als ich vor einiger Zeit an einem Ringertraining teilnahm
lernte ich einen alten persischen Ringer kennen, der so viele
Details über das Ringen kannte, das ich aus dem staunen
nicht mehr herauskam und was habe ich gemacht? Ganz einfach
zugehört und Fragen gestellt. Ich hätte auch anfangen
können zu argumentieren und damit zu prahlen wie gut
BJJ ist und das wir Submission haben die kein Ringer kennt,
usw. aber damit hätte ich erstens einen Menschen emotional
verletzt, seine Lebenserfahrung nicht respektiert und was
für meine persönliche Entwicklung schlimm gewesen
wäre, ich hätte nichts gelernt. Wer alles was er
kennenlernt und erfährt gleich be- oder verurteilt, der
lässt sich selber keine Chance etwas zu lernen, für
mich was es eine großartige Erfahrung und ich habe Dinge
verstanden, die ich vorher so nicht gewusst habe und das passiert
dauernd, wenn man die Kunst des Lernens ausübt.
Als damals Royce Gracie UFC Champion war, wollte jeder BJJ
trainieren, später als Mark Coleman Champion war, ging
jeder zum Ringertraining und als Maurice Smith, Mark Coleman
den Titel abnahm wusste jeder, das Kickboxen doch der beste
Stil ist. Einige Zeit später verlor Smith gegen Renzo
Gracie und alle machten wieder BJJ. So ist die Logik der Ignoranten,
der der gewinnt, macht den besten Stil, also mache ich genau
das selbe und dann bin ich auch der beste. Einfach und schwarz-weiss
gedacht, aber leider viel zu oft die Realität. Wenn ich
kämpfe betrachte und anschaue, versuche ich immer zwei
Dinge herauszufinden, warum hat der eine gewonnen und was
mindestens genauso wichtig ist, warum hat der andere verloren.
Welche Stärken haben beide, warum konnte der eine sie
einsetzen und der andere nicht? Was für eine Strategie
hatten sie, wie haben sie trainiert und was für eine
mentale Einstellung hatten sie, daraus lernt man sehr viel,
von beiden Kämpfen und nicht nur von dem temporären
Sieger, temporär deshalb weil man immer irgendwann verliert
und es keine fehlerfreien Kämpfer gibt, wir sind schliesslich
alles nur Menschen und keine Maschinen.
Wissen sie eigentlich warum Royce Gracie als BJJ Kämpfer
den Ringer Dan Severn besiegt hat? Aus einem ganz einfachen
Grund, Gracie hat Severn dazu gebracht sein „Spiel“
zu „spielen“ und so konnte er Severn besiegen.
Aus dem gleichen Grund hat auch der Ringer Dan Henderson den
BJJ Kämpfer Renzo Gracie besiegt, er hat sein „Spiel
gespielt“ und nicht das seines Gegners. Es geht also
eigentlich gar nicht darum wer die bessere Kampfkunst hat,
sondern wer es schafft dem Gegner seinen Stil aufzuzwingen.
Wer das einmal verstanden hat, wird merken das man von allen
Kampfkünsten etwas lernen kann, denn jede ist in ihrem
speziellen Umfeld perfekt. Das Problem hierbei jedoch ist,
das viele Kampfkünstler mit diesen Begriffen gar nichts
anfangen können, denn sie kennen das Spiel ihres Gegners
gar nicht. Wer z.B. nur das Foto, oder die Videoaufnahme eines
Ringerangriffes betrachtet, findet leicht einen Konter wie
er diesen vermeintlich offenen Angriff abwehren kann, wer
aber schon einmal mit einem guten Ringer trainiert hat, wird
wissen wie explosiv, schnell und kraftvoll solche Angriffe
sind und welches „Spiel“ ein Ringer spielt. Ein
Kampfkünstler nur auf seine Technik zu reduzieren ist
nämlich sinnlos, es ist das spezielle Training was eine
Technik ausmacht. In den ersten UFC Wettkämpfen, waren
die „schlagenden“ Kämpfer klar im Nachteil,
denn sie wussten überhaupt nicht was da auf sie zukommt.
Erst später lernten Leute wie Maurice Smith, etc, wie
Ringer und Grappler denken und er konnte sich so darauf einstellen
und dem Gegner sein Spiel aufzwingen, später lernten
auch die BJJ Leute und Ringer wieder dazu und verstanden das
neue Spiel der „schlagenden“ Kampfkünste
und verbesserten somit ihre Kunst auch wieder um ein weiteres
Stück. Der Punkt ist, Kampfkünste sind etwas lebendiges
und man sollte den Mut haben zu lernen und neue Erfahrungen
zu machen. Ja, es erfordert Mut sich über seine altbewährten
Grenzen hinaus zu bewegen, aber es ist es wert es zu tun.
Ich war z.B. immer jemand der gegen Wettkämpfe eingestellt
war, ich habe Grappling und BJJ als Kampfkunst und Selbstverteidigung
verstanden und war nicht besonders aufgeschlossen für
sportliche Wettkämpfe. Ich hätte auf meiner Meinung
beharren können, aber ist es nicht vielleicht auch die
Angst vor Niederlagen, Wettkampfdruck, etc. der einen daran
hindert kämpfen zu gehen? Ich weiss es nicht und deshalb
habe ich es irgendwann einfach getan, ich bin kämpfen
gegangen und ich habe gewonnen, wurde verletzt, hab nach Punkten
verloren, war enttäuscht, motiviert, habe Angst und Adrenalin
kennengelernt und trotzdem es nicht immer einfach war, möchte
ich diese Erfahrung nicht missen, denn ich habe so vieles
daraus gelernt, das ich dankbar bin diese Erfahrung machen
zu dürfen. Es geht weder um gewinnen und verlieren, es
geht darum etwas zu tun und daraus zu lernen und diese Erfahrung
ist zeitlos, egal wie alt man ist, man kann sie immer machen.
Dan Inosanto, der vielleicht vielseitigste Kampfkunstlehrer
unserer Zeit hat sich mit 57 Jahren einen Weissgurt um die
Hüften gebunden und bei den Machado Brüdern mit
dem BJJ angefangen und heute ein paar Jahre später ist
er Schwarzgurt im Brazilian Jiu Jitsu. Das ist doch unglaublich.
Dieser Mann ist ein original Schüler von Bruce Lee und
Ed Parker, er lernte von den legendären philippinischen
Kali Meistern und ist ein Experte im Silat, Savate, Muay Thai
und vielen anderen Kampfkünsten. Warum also fängt
er mit 57 Jahren noch einmal mit dem BJJ an? Er könnte
100 Ausreden benutzen die ihm jeder glauben würde, er
könnte sagen ich trainiere mit dem Messer ich komme nicht
auf den Boden, ich steche meinem Gegner in die Augen oder
schlage ihm in den Unterleib, ich komme nicht auf den Boden,
oder er hätte gar nichts sagen brauchen, denn er ist
so respektiert in der Kampfkunstwelt das er nichts zu beweisen
hat. Aber er hat es nicht getan, er war einfach offen und
hat gelernt, er hat weder be- noch verurteilt, sondern eine
neue Erfahrung gemacht, die ihn wachsen hat lassen, denn er
ist ein Meister in der Kunst des Lernens, das hat er ein Leben
lang bewiesen.
Ich könnte diese Liste noch endlos weiterführen,
aber ich denke sie haben erkannt, worum es bei der Kunst des
Lernens geht. Man lässt seinen Ego im Schrank und öffnet
sich um neue Erfahrungen zu machen, denn nur so kann man die
Schönheit der Kampfkünste wirklich erleben.
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