Auf der suche nach der idealen Selbstverteidigung


Nachdem ich ihnen auf den letzten Seiten erklärt habe, welche Nachteile und Probleme auftreten können, wenn sie in einer Selbstverteidigungssituation nicht die geeigneten Techniken und Prinzipien anwenden, geht es auf den folgenden Seiten darum, welche Anforderungen eine intelligente und wirksame Kampfkunst erfüllen muß:
1.Anwendbar auch für körperlich schwächere Personen (z.B. auch Frauen)
Der wohl wichtigste Aspekt einer Kampfkunst ist, daß es auch für körperlich schwächere Personen, bzw. für den durchschnittlich motivierten Menschen funktionieren muß. Die Fähigkeit dem Gegnerischen Angriff entgegen zu wirken darf also nicht auf „roher“ Körperkraft oder extremen athletischen Fähigkeiten basieren. Die Grundlage einer effektiven Selbstverteidigung liegt also in dem herbeiführen günstiger Hebelverhältnisse, dem taktilen Erfühlen der gegnerischen Kraftrichtung, im geschickten Ausnutzen der Schwachpunkte innerhalb der menschlichen Anatomie und einer ausgeklügelten Strategie. Das System muß auf jeden Fall so konzipiert sein, daß es den offenen Schlagabtausch vermeidet und statt dessen den Gegner Zug um Zug in eine immer schlechtere Position bringt, um Ihn schlußendlich kampfunfähig zu machen. Es muß einfach und in relativ kurzer Zeit, soweit zu erlernen sein, daß es der Anwender effektiv einsetzen kann.
Das hört sich jetzt alles ziemlich logisch an und viele Systeme behaupten ohne viel Kraft zu funktionieren. Ich spreche hier jedoch nicht nur von einer theoretischen Anwendbarkeit denn Theorie ist völlig zwecklos, wenn sie sich nicht genau so in die Praxis umzusetzen lässt. Genau darin liegt die Stärke eines intelligenten Selbstverteidigungs-Systems.
2. Anatomische und physikalische Gesetze als Wirkungsgrundlage
Wissen Sie was passiert wenn Sie in einem Zweikampf Ihrem Gegner die Nase brechen? Ich habe keine Ahnung, denn die Reaktion Ihres Gegenübers hängt von seinem subjektiven Schmerzempfinden ab und kann durch Drogen und körpereigene Streßhormone extrem beeinflusst werden. Wie oft hört man von Menschen dieeine Schußverletzung erlitten haben, daß sie erst viel später Schmerzen gespürt haben und sich noch eine ganze Zeit normal bewegt haben? Der Körper kann Schmerz einfach betäuben, denn er ist in der Lage Substanzen zu produzieren, die die Wirkung von stärksten Betäubungsmitteln entspricht. Die ideale Kampfkunst muß also über „Werkzeuge“ verfügen, die nicht von dem individuellen Schmerzempfinden des Einzelnen abhängen, sondern auf anatomischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten basieren.
Ein Beispiel: Wenn Ich meinen Gegner in eine Position bringen kann, wo Ich seine beiden Halsschlagadern kontrolliere, kann Ich die Blutzufuhr zum Kopf kurzzeitig unterbrechen und somit eine Bewußtlosigkeit herbei führen. Ein Würgegriff, funktioniert also bei jedem Menschen, unabhängig von Körpergröße, Gewicht oder eventuell eingenommen Drogen.. Das ideale System besitzt also Hebel und Würgetechniken, die den Gegner unabhängig von seiner körperlichen Verfassung kampfunfähig machen.
3. Auf den Nah und Bodenkampf spezialisiert
95% aller wirklichen Kämpfe enden im Clinch oder am Boden und 95% aller Kampfsportarten/Kampfkünste ignorieren diese Erfahrung und bereiten den Anwender somit nicht auf die Realität des Kämpfens vor. Wenn Ich vorhin geschrieben habe, daß ein wirksames Kampfsystem eine Reihe von Hebel, Würge und Kontrolltechniken haben muß, dann haben Diese hauptsächlich ihre Anwendung im Bodenkampf. Wer je versucht hat einen Gegner der wild um sich schlägt mit einem Kipphandhebel oder Armriegel zu kontrollieren, wird nach ein paar krachenden Volltreffern des Gegners Bekanntschaft mit dem Fußboden machen und dann vielleicht auch mal die „Ringerfähigkeiten“ seines mit Adrenalin vollgepumpten Gegenübers kennenlernen. Ein wirklich auf Eigensicherheit bedachtes System wird versuchen mit dem Gegner direkt in den Nahkampf zu kommen und den Kampf am Boden zu entscheiden, um so dem Angreifer kaum eine Chance zu geben, traumatische Schläge oder Tritte zu landen. Ein Kampf endet fast immer am Boden oder im Clinch, es liegt bei Ihnen die Initiative zu übernehmen und den Gegner unter Ihre Kontrolle zu bringen. Ohne wirkliche Clinch und Bodenkampf-Fähigkeiten, ist kein systematisches Verteidigungs-Konzept möglich.
4. Eine Strategie gegen möglichst viele verschiedene Angriffe
Erinnern Sie sich noch an den Artikel „Tag X“?
Versetzen Sie sich noch einmal in solch eine Situation. Was glauben Sie, hätten Sie einen klaren Kopf? Könnten Sie Entscheidungen treffen? Vermutlich kaum oder nur sehr eingeschränkt und deswegen sollte eine praxisorientierte Kampfkunst nicht all zu viele Entscheidungen vom Anwender verlangen. Die meisten herkömmlichen Kampfstile haben verschiedene Abwehrtechniken gegen verschiedene Angriffe. Man unterscheidet ob ein Angriff gerade oder kreisförmig, hoch oder tief, links oder rechts, usw. passiert. Dementsprechend wählt man die dafür passende Aberwehrtechnik aus. Glauben Sie das funktioniert in der Realität? Natürlich nicht. Wissen Sie wie viele verschiedene Menschen es gibt? Alleine in Deutschland sind es rund 80 Millionen und jeder hat eine individuelle Physiologie, Körpergröße, Gewicht, Mentalität und eine ganz bestimmte Art und Weise in der er oder Sie kämpfen würde.
Es ist unmöglich die Angriffe des Gegners zu blocken und in der Realität macht das auch keiner. Was machen Boxer und Thai Boxer, die realistischsten Vertreter der Schlagenden und Tretenden Künste? Sie haben zwei Arten der Abwehr, entweder sie schützen mit Ihren Armen bzw. Beinen die Körperstellen auf die sie einen Angriff erwarten(z.B. beide Handschuhe vor das Gesicht etc.), oder sie weichen den Angriffen des Gegners aus. Die zweite Methode ist weitaus effektiver und wird auch häufiger benutzt, da man so aus sicherer Distanz einen Konter starten oder direkt in den Angriff des Gegners hinein kontern kann. .
Was ist also die sicherste Methode einem gegnerischen Angriff zu begegnen? Ganz einfach, entweder man ist von seinem Gegner soweit entfernt, dass seine Angriffe einen nicht treffen können, oder man ist so nah, dass er keine Distanz hat seine Schläge zu beschleunigen und sie somit fast wirkungslos sind. Sie können das nicht so ganz nachvollziehen? Schauen Sie sich doch einfach mal einen Boxkampf an. Wie viele K.O. passieren während beide Boxer im Clinch sind? Gar keine, weil man, um einen harten Schlag zu landen eine gewisse Distanz zur Beschleunigung braucht und die hat man im Clinch nicht. Die Aufschlagsenergie eines Faustschlages hängt von der Geschwindigkeit und Masse des Arms, bzw. des Körpers der den Schlag antreibt ab. Das Gewicht ihres Gegners können sie nicht ändern, aber sie können ihm die Distanz für die Beschleunigung seiner Tritt oder Schlagtechnik nehmen. Im Grappling unterscheidet man nicht wie der Gegner angreift, sondern nur, ob er den eigenen Sicherheitsabstand unterschreitet oder nicht. Mehr zu dem Konzept der Distanzüberbrückung finden sie an anderer Stelle.Was heißt das in der Praxis, also in der realen Selbstverteidigung? Nun, ein wirksames System hält seinen Gegner solange auf Distanz bis der einen Fehler macht, den der Anwender dann nutzt um schnell die Distanz zu überbrücken, den Angreifer zu Boden zu bringt und Ihn dort schließlich besiegt. Funktioniert das? Genau das machen die Grappling-Stile seit ein paar tausend Jahren und bisher hat es eigentlich immer funktioniert.
5.Wirksame Trainingsmethoden
Egal wie gut die Konzepte und Prinzipien einer Kampfkunst sind, ohne wirklich effektive Trainingsmethoden können Sie nicht Ihr volles Potential entfalten. Worin die Nachteile bei den Trainingsmethoden vieler Kampfsysteme bzw. Sportarten liegen, habe Ich vorhin schon beschrieben. Wie also müssen die Trainingsmethoden eines idealen Selbstverteidigungs-Systems strukturiert sein? Ich denke drei Aspekte sind hierfür hauptsächlich entscheidend:
a) Man muss alle Techniken mit nahezu der gleichen Kraft und Geschwindigkeit ausführen können wie im Ernstfall.
b) Der Gegner muss uneingeschränkte und spontane Gegenwehr bzw. Angriffe starten, d.h. also möglichst auch mit realer Geschwindigkeit und Kraft.
c) Das Training muss so aufgebaut sein, dass man den Adrenalinrausch mit in die Übungen mit einbezieht.
d) Das Verletzungsrisiko innerhalb des Trainings, sollte so niedrig wie möglich sein.
Schauen wir uns jetzt die einzelnen Punkte genauer an. Wenn eine Kampfkunst also hauptsächlich auf Wurf, Griff, Hebel und Würgetechniken basiert, kann beim Training ein höheres Maß an Realitätsnähe erreicht werden. Im Gegensatz zu Schlag und Tritttechniken, können diese Bewegungen, auch im Training, mit voller Kraft und Geschwindigkeit ausgeführt werden. Genau wie man eine Technik im Training benutzt, kann man sie später auf der Straße einsetzen, der einzige Unterschied besteht darin, dass Würge und Hebeltechniken im letzten Moment gestoppt werden und so der Trainingspartner normalerweise unverletzt bleibt. Soweit also meine Einschätzung zu Punkt a).
Was für die Angriffstechniken eines Stiles gilt, gilt natürlich auch für die Abwehrtechniken bzw. die Techniken des Gegners. Trainiert man einen ein Grappling-System, ist auch die Gegenwehr des Gegenübers viel realer. Beim Übungskampf haben beide Anwender die Möglichkeit frei anzugreifen bzw. den Angriff Ihres Trainingspartners zu verhindern. Wer es also schafft einen 25 Kilo schwereren Trainingspartner in einen Würgegriff zu bekommen, hat die Gewissheit, dies auf der Straße auch zu schaffen. Durch diese Trainingserlebnisse, baut der Schüler ein unglaubliches Selbstvertrauen auf. Man muss nicht mehr argumentieren was man hätte tun können und was im Ernstfall passiert wäre wenn man seine Schläge mit voller Kraft hätte einsetzen können. Der Schüler sieht was er gemacht hat und das gibt ihm die Sicherheit, diese Techniken auch auf im Ernstfall effektiv einzusetzen.
Was ist mit dem nächsten Punkt, dem Adrenalinrausch? Nun, wenn ein Kampfsport/Kampfkunst-Training diesen Adrenalinkick nicht in das sein Training mit einbezieht ist es nicht real. Wie aber macht man das, wie simuliert man die Realität so gut, das der Körper Adrenalin frei setzt?
Ganz einfach! Stellen Sie sich vor Ihr Trainingspartner sitzt auf Ihnen und versucht Sie zu würgen. Sie können sich gerade noch im letzten Moment befreien und schaffen es Ihn in eine „bedrohliche“ Lage zu bringen um selber eine Hebeltechnik anzusetzen. Dies alles passiert innerhalb weniger Sekunden. Sie spüren Ihre Erschöpfung, die Ihres Gegners und obwohl all das in einer freundlichen Trainings-Atmosphäre stattfindet, ist es doch in so manchen Moment sehr „real“, zumindest in Ihrer subjektiven Einschätzung. Das dabei ein Adrenalinrausch entsteht ist eigentlich ganz normal und auch so gewollt.
Dadurch das die Bewegungen beim Grappling kaum explosiv oder extrem schnell „durchgezogen“ werden, ist das Verletzungsrisiko speziell von traumatischen Verletzungen geringer als z.B. beim Boxen oder Thai Boxen.
Diese vier Voraussetzungen sind also der Schlüssel zu einem erfolgreichen und sinnvollen Training, egal in welcher Kampfkunst. Wie ist es mit Ihrem Training? Erfüllt es all diese Aspekte?
6. Die Verhältnismäßigkeit der Mittel
Stellen Sie sich vor auf Ihrer Geburtstagsparty hat ein Gast zu viel getrunken und fängt an, den anderen Gästen gegenüber handgreiflich zu werden. Sie wollen Ihn zur rede stellen, aber er packt Sie am Kragen und versucht Sie zu schlagen. Was tun Sie? Zertrümmern Sie Ihm die Nase mit einer „Kopfnuß“? Oder rammen Sie Ihrem betrunkenen Gegenüber lieber Ihr Knie voll in den Unterleib?
Nun, Ich denke, daß bei solch einer Verteidigungsaktion eine derartiges Verhalten absolut nicht die Verhältnismäßigkeit der Mittel waren würde. Weder juristisch noch moralisch! Wie kann man also eine solche Überreaktion vermeiden und sich trotzdem sicher verteidigen? Wichtig ist zu aller erst einmal ein realistisches Training, denn wer Stress und Ernstfall-Situationen regelmäßig trainiert kann mit Ihnen meist viel souveräner umgehen.Der zweite wichtige Aspekt ist, dass ein intelligentes Selbstverteidigungs-System auf der Kontrolle des Gegners aufgebaut ist. Wenn der Anwender die Fähigkeit hat einen aggressiven Angreifer zu kontrollieren, kann er dann gezielt Hebel oder Würgetechniken benutzen, um Ihn kontrolliert zu entfernen.
7. Ein praxiserprobtes System
Warum habe Ich diesen Artikel geschrieben? Weil Ich Ihnen darlegen will, warum einige Kampfsysteme besser funktionieren als andere, aber auch um Ihnen die theoretische Wirkungsweise des Grappling aufzuzeigen. Ein wirklicher Kampf ist unberechenbar und ein absolut komplexes Thema und ich habe versucht etwas Licht ins Dunkel zu bringen.
Viele Menschen tendieren dazu erst dann etwas zu akzeptieren, wenn Sie verstehen warum es ist wie es ist. Bei mir war es anders, Ich wusste von dem Tag an, als Ich das erste Mal Grappling trainierte, dass es die für mich effektivste und faszinierendste Kampfkunst überhaupt ist. Genau darin liegt die Anforderung an ein perfektes System, es muss praxiserprobt sein. Über die Jahre hinweg fand Ich immer mehr Gründe warum Grappling so wirksam ist, aber so interessant auch all diese Gründe und Theorien sind, sie wären wertlos, würde das System nicht wirklich funktionieren. Sicherlich gibt es in jedem Stil großartige Athleten, aber Grappling ist schon seit Jahrtausenden eine besondere Kampfkunst. Egal ob im alten Ägypten, im antiken Griechenland oder in den Arenen des römischen Reiches, überall haben die Grappling Stile ihre Effektivität bewiesen, seit über 3000 Jahren.

     
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