Der
Clinch
Wenn man einen Grappler während eines Kampfes oder beim
Training beobachtet, fällt eines sofort auf, er versucht
immer, mit seinem Gegner in den Clinch zugehen. Fast alle
Würfe, aber auch die Hebel und Würgetechniken, werden
von dieser Position aus angewendet. Genau diese Besonderheit
unterscheidet, das Grappling auch von Stilen wie z.B. Hap-Ki-Do,
Aikido, oder dem Ju Jutsu, die zwar auch einige Wurf, Würge
und Hebeltechniken kennen, diese aber immer als direkte Abwehrtechniken
praktizieren. In der Praxis bedeutet das, das der Anwender
dieser Kampfkünste, den Angriff in der Luft stoppt und
eine Hebel oder Wurftechnik ansetzt. Dieses Prinzip steht
genau im Gegensatz zu dem was man im Grappling lehrt. Warum
also setzt ein Grappler seine Techniken niemals direkt an,
sondern geht immer erst in den Clinch mit dem Gegner? Nun,
der wichtigste Grund liegt wohl darin, daß man im Grappling
immer den direkten Schlagabtausch vermeiden will.
Der Clinch ist dazu das beste Mittel. Wer sich mit einem Gegner,
der größer und schwerer ist, auf einen Austausch
von Schlägen einlässt, läuft Gefahr K.O. geschlagen
zu werden. Der Clinch ist also zu aller erst einmal ein defensives
Mittel um sich vor den Angriffen des Angreifers zu schützen.
Wer sich in der Schlagdistanz befindet, lebt gefährlich,
denn bedingt durch die unberechenbaren Bewegungen und die
Geschwindigkeit der Angriffe, ist es nicht möglich wirkliche
alle Angriffe des Gegners abzuwehren. Egal welche theoretischen
Möglichkeiten es gibt, aus der Praxis weiß man,
das man, will man einen Kampf mit Schlägen und Tritten
beenden, bereit sein muß auch selber schwere Treffer
weg zu stecken. Selbst Boxer, die dicke Handschuhe tragen,
mit denen sie ihr Gesicht noch besser schützen können,
gewinnen fast nie einen Kampf ohne selber getroffen zu werden.
Erinnern sie sich einmal an das Gesicht eines Weltmeisters
nach dem Kampf und sie werden verstehen wovon ich rede. Der
Clinch ist also die beste Möglichkeit dem Schlagabtausch
zu entgehen. Warum? Weil er die zwei obengenannten Dinge,
die unberechenbaren Bewegungen und die Geschwindigkeit aus
dem Kampf heraus nimmt. O.K. einige von ihnen werden jetzt
glauben das sie trotzdem alle Angriffe während eines
Kampfes abwehren können, weil sie spezielle Techniken
und Prinzipien beherrschen, eine kleine Anmerkung dazu, es
ist z.B. theoretisch richtig das gerade Schlagtechniken ökonomischer
sind als hakenförmige, weil die kürzeste Verbindung
zwischen zwei Punkten ja schließlich auch eine Gerade
ist. Wie trügerisch solch eine theoretische Annahme ist,
wird klar, wenn man versteht das dieses zwar theoretisch stimmt,
aber in der Praxis völlig bedeutungslos wird. Eine kreisförmige
Schlagtechnik, kann während eines Kampfes ihr Ziel schneller
erreichen als eine Gerade, nämlich dann, wenn der Mensch
der diese Bewegung ausführt, einfach schneller reagiert.
Man kann im Kampf mit Händen und Füßen niemals
ausschließen getroffen zu werden und genau aus diesem
Grund wird im Grappling der Clinch bevorzugt. Wenn man mit
seinem Gegner in den Nahkampf geht und ihm die Distanz zum
Schlagen nimmt, wird der Kampf automatisch ruhiger und langsamer.
Es ist also viel eher möglich eine Wurftechnik anzusetzen,
weil man nicht so leicht Gefahr läuft, vom Gegner getroffen
zu werden und darüber hinaus der Gegner nicht so viele
Möglichkeiten hat sich zu bewegen. Viele Menschen schauen
etwas herablassend auf diese Methode, weil sie glauben, daß
man im Clinch sowieso keine Techniken ansetzen kann und wenn
überhaupt nur der körperlich Stärkere gewinnt.
Das Gegenteil ist der Fall, der Clinch ist der sicherste Platz
für einen Kämpfer der seinem Gegner kräftemäßig
unterlegen ist und genau aus diesem Grund sieht man ihn beim
Boxen so oft. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter
gehen, ich denke, daß er eine angeborene Schutzfunktion
darstellt, die jeder Mensch instinktiv versucht aus zu üben.
Die meisten Straßenkämpfe enden im Clinch und dann
am Boden, aber wenn so etwas auch bei zwei aufs Schlagen trainierten
Boxkämpfern passiert, liegt der Verdacht nahe, daß
es sich um einen unbewussten Schutzinstinkt des Menschen handelt.
Viele Menschen glauben auch, daß, sobald man z.B. mit
einem stärkeren Gegner im Clinch ist, man leichter zu
Boden geworfen werden kann. Nun dazu kann ich nur sagen, daß
es nicht so einfach ist einen, wenn auch leichteren Grappler
zu Boden zu werfen. In 95% aller Fälle, wird der Grappler
seinen Gegner vom Clinch aus, in die Bodenlage befördern.
Falls er einem extrem starken Gegner gegenübersteht,
ändert dies nichts an seiner Strategie, er geht in den
Clinch, nicht um seinen Gegner zu werfen, sondern um sich
vor den Schlägen des Angreifers zu schützen. Sollte
der Gegner also ihn werfen, so geht der Kampf, wie vom Grappler
beabsichtigt am Boden weiter. Wenn sie das Buch weiter lesen,
werden sie auch feststellen, dass es für den Grappling
Anwender auch kein Problem ist, wenn er sich selber in der
Unterlage, also mit dem Rücken auf dem Boden befindet,
das Konzept des Grappling funktioniert wie gesagt weitgehend
unabhängig von körperlicher Kraft.
Aber kommen wir noch einmal kurz zurück zu einer anfänglichen
Frage, warum führt der Grappler seine Wurf, Hebel und
Würgetechniken, nicht direkt aus, warum blockt er nicht
einfach einen Faustschlag des Gegners und macht daraus ein
Handgelenksbeugehebel oder einen Schulterwurf? Ganz einfach,
weil so etwas nicht funktioniert. Niemand der 85 Kilo wiegt,
mit Adrenalin vollgepumpt ist und ihnen die Nase Brechen will,
lässt sich mitten in seiner Bewegung aufhalten und Hebeln.
Vergessen sie es. Bevor sie das Handgelenk auch nur gegriffen
haben, ist er schon einen Meter zurück gesprungen um
sie zu treten, oder er hat ihnen mit seiner freien Hand, seiner
Absicht gemäß die Nase gebrochen. Da ist ein Monster,
das sie verprügeln will, also ziehen sie ihm erst mal
Schritt für Schritt seine Zähne, damit es sie nicht
mehr Fressen kann. Gehen sie in den Clinch, die meisten Angreifer
sind wie Sprinter, sie versuchen sie mit soviel Angriffskraft
wie möglich zu attackieren, vergessen aber dabei, das
ein Kampf, nicht wie beim 100 Meter Lauf, schon nach gut 10
Sekunden vorbei ist. Machen sie nicht den Fehler und „sprinten“
sie mit ihm. Der Clinch ist also hauptsächlich ein Verteidigungselement,
was dem Grappling Anwender ermöglicht, seine Kampfstrategie
in Ruhe aufzubauen. Gerade gegen körperlich stärkere
Gegner, lässt sich diese Technik gut einsetzen. Gibt
es eigentlich noch eine alternative zum Clinch? Hat man im
Grappling auch Möglichkeiten, einen Angreifer direkt
zu Boden zu werfen, ohne vorher in den Clinch zu gehen?
Ein wichtiger Grundsatz des Grappling ist es, sich immer der
Situation entsprechend anzupassen. Einen kräftemäßig
gleichwertigen oder nur leicht überlegenen Gegner, ohne
Grappling Erfahrung, kann man zu Boden bringen, indem man
direkt ihre Beine angreift. Man geht so tief wie möglich
in die Hocke und macht dann einen großen Ausfallschritt
auf die Beine des Gegners. Man umklammert die Beine und bringt
ihn durch die Zugbewegung seiner eigenen Arme und durch den
Vorwärtsdruck seines eigenen Körpergewichts zu Boden.
Diese Art den Gegner zu werfen ist äußerst effektiv,
hat aber allerdings einen Nachteil, sie bietet viele Möglichkeiten
einen Grappler während der Ausführung zu kontern.
Der Clinch ist wesentlich sicherer, weil man sich viel weniger
exponiert, wer also zum Beispiel versucht gegen einen starken
gefährlichen Gegner, mit gutem Gleichgewicht und hoher
Schlagkraft, in den Clinch zu gehen, kann sich falls es nicht
klappt sofort wieder vom Gegner lösen. Sobald er es geschafft
hat in den Clinch zu kommen, kann sich der Grappler, auch
wenn er seinen Gegner nicht werfen kann, gut vor den gegnerischen
Schlägen und Tritten verteidigen.
Würde der Grappler in so einer Situation die Beine des
Gegners angreifen, kann es sein, daß dieser sein Gleichgewicht
für eine gewisse Zeit halten kann und so die Chance hat,
noch Knie, Ellbogen, Kopf und Fauststöße einzusetzen,
die den Grappling Anwender eventuell empfindlich verletzen
können und ihn daran hindern seinen Wurf weiter auszuführen.
Die Entscheidung ob man mit seinem Gegner also erst in den
Clinch geht, um von dort aus den Kampf in die Bodenlage zu
bringen, oder ob man direkt tief in den Gegner hinein geht
und seine Beine angreift um ihn zu Boden zu werfen, hängt
also hauptsächlich von zwei Faktoren ab:
1. Vom Gewicht und der Kraft des Gegners
2. Von seiner Kampfsportspezifischen Erfahrung
Ein Grappler kann seinen Gegner normalerweise gut an seinen
Bewegungen und seiner Statur taxieren. Die ersten Sekunden
des Kampfes entscheiden über den weiteren Verlauf der
Angriffsstrategie. Im Zweifelsfall wählt der Grappling
Anwender oder die Grappling Anwenderin immer die sichere Methode
des in den Clinch gehens, um so besser auf mögliche „Überraschungen“
des Gegners gefasst zu sein.
Eine wichtige Grundregel des Grappling ist es immer den Weg
des geringsten Widerstandes zu nehmen. Der Clinch passt genau
in dieses Konzept, denn der Gegner hat kaum eine Möglichkeit
sich dagegen zu wehren (man sieht es ja immer wieder in Boxkämpfen).
Die direkte Form des Werfens benötigt wesentlich mehr
Kraft und athletisches Durchsetzungsvermögen, um sie
gefahrlos einzusetzen, deshalb kommt diese Technik im Angriffskonzept
des Grappling seltener vor.
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