Das Überbrücken der Distanz


Der Verständnis für die unterschiedlichen Kampfdistanzen, ist einer der wichtigsten Aspekte innerhalb des Grappling. Warum? Weil es unser Ziel ist, einen Kampf gewinnen, ohne dabei schwere Gegentreffer einzustecken. Jede Kampfkunst hat ein spezielles System die verschiedenen Kampfdistanzen einzuteilen. Generell gesehen kommt dabei oft die folgende Struktur heraus:
1. Tritt-Distanz
2. Schlag-Distanz
3. Trapping-Distanz
4. Ringkampf-Distanz
5. Bodenkampf-Distanz
Die meisten Systeme sind auf ein oder zwei dieser Distanzen fixiert, z.B. Tea-Kwon-Do (Tritt-Distanz), Boxen (Schlag-Distanz), oder Wing Chun (Trapping-Distanz). Einige Systeme haben sich auch darauf spezialisiert in allen Distanzen zu kämpfen, was allerdings einen Nachteil hat, man ist als Anwender solch einer Disziplin, nie wirklich gut in einer Kampfdistanz, weil schlichtweg die Zeit für das trainieren all dieser Distanzen fehlt.
Wie auch immer die meisten Systeme (das schließt das Grappling mit ein) spielen die verschiedenen Kampfdistanzen eine sehr wichtige Rolle in Ihrem Kampfkonzept. Soll Ich Ihnen was sagen? Im Gegensatz zu allen anderen Stilen, kennen wir nur zwei Distanzen. Entweder wir sind soweit von unserem Gegner entfernt, daß er uns nicht wirklich hart treffen kann, oder wir „kleben“ so nah an unserem Gegner, daß er keine Distanz hat wirklich hart zu zuschlagen. Hört sich doch einfach an, oder? Eigentlich ist es das auch, allerdings fallen vielen Anwender anfangs in Ihr vorher trainiertes Distanzmuster zurück und lassen sich auf einen gefährlichen Schlagabtausch ein. Aber schauen wir uns doch einmal die „Anatomie“ dieser Art des Kämpfens an, wie überbrückt man die Distanz richtig und welche Fehler sollte man vermeiden. Damit wir uns richtig verstehen, bei dieser Beschreibung gehe Ich von einer „offenen“ Kampfsituation aus, bei der beide Parteien wissen, daß der andere angreifen will. Auf verdeckte, hinterhältige Angriffe, gehe Ich später ein.
Die Konfrontation beginnt also und der Gegner ist zwar noch außer Reichweite, bewegt sich aber stetig auf den Grappling Anwender zu, mit der Absicht, in die richtige Distanz für seine Tritte, Schläge, Knie/Ellebogen und Kopfstöße zu kommen. Versucht man jetzt einfach ohne Konzept die Distanz zu überbrücken, würde das zwar wahrscheinlich funktionieren (Warum habe Ich ja vorhin ausreichend dargelegt), aber der Gegner hätte noch zuviel Distanz zu Ihnen und somit auch genügend Zeit und Chancen einen Konter (Schlag, Tritt, etc.) anzubringen. Für einen Grappler, ist also die erste Regel beim Überbrücken der Distanz:

Man verhält sich immer defensiv, bleibt außerhalb der Reichweite der gegnerischen Angriffe und wartet darauf zu kontern.
Sie dürfen eines nie vergessen, wenn Ihr Gegenüber Sie angreifen will, muß er nah an Sie herankommen. Er wird sich zwangsläufig etwas exponieren und gibt somit dem trainierten Anwender die Chance, die Distanz zu schließen.Wenn ein Faustkämpfer seinen Gegner schlagen will, muß er einen Schritt auf ihn zu machen. Jedesmal wenn er das tut, hat der Grappler die Chance sofort zu kontern und in den Clinch zu gehen. Die Idee besteht darin, daß er seine zwei „Werkzeuge“ mit der längsten Reichweite(Front bzw. Side Kick) nutzt um seinen außerhalb der Schlagdistanz zu halten. Der Grappling Anwender kickt also zum am weitesten exponierten Angriffsziel seines Gegners, was meistens das Kniegelenk ist. Dieser Kick hat jedoch nicht die Aufgabe den Gegner zu verletzen, sondern ist eher eine Art „Sensor“. Solange man die Kicks ausführen kann, ist der Gegner noch nicht in der richtigen Reichweite um in den Clinch zu gehen. Durch das andauernde Treten gegen das vordere Bein, wird der Gegner zunehmend frustriert und dazu verführt seinen Angriff aus einer Distanz zu starten, die eigentlich nicht ideal ist. Dadurch das er noch zu weit von Grappler entfernt ist, wird sein Angriff Ihn noch in eine viel größere exponierte Lage bringen als das normalerweise (bei einer ungestörten, Idealen Kampfdistanz) der Fall wäre. Was heißt das in der Praxis?
Sobald der Gegner, den Sicherheitsabstand (Die Distanz des Front, bzw. Side Kicks) mit einem Angriff, deutlich unterschreitet, sollte man so schnell wie möglich die Distanz überbrücken. Falls er nur leicht nach vorne geht oder eine Finte schlägt, geht man entweder etwas zurück, oder seitlich heraus, um den Sicherheitsabstand, wieder zu gewähren. Sie merken schon, es kommt beim Grappling gar nicht darauf an, auf welche Art und Weise man angegriffen wird, sondern nur darum, wann der Sicherheitsabstand unterschritten wird. Die zweite Regel heißt also:
Sobald der Gegner den Sicherheitsabstand deutlich mit einem Angriff unterschreitet, müssen Sie mit dem Überbrücken der Distanz sofort beginnen.
Wie aber bringt man seinen Gegner dazu anzugreifen, werden jetzt vielleicht einige aufmerksame Leser fragen?Das ist gar nicht so schwer, denn auf der Straße gibt es kaum wirklich coole und überlegte Gegner,denn je mehr Agressionen und Adrenalin Ihr Gegner hat, desto wilder und unvorsichtiger wird er Sie angreifen. Falls man es wirklich mal mit einem besonders auf den Konterkampf fixierten Gegner zu tun hat, kann der Grappler ja noch seine Tritt und Schlagtechniken einsetzten, um den Gegner aus der Reserve zu locken. Der vorhin besprochene Front, bzw. Side Kick, hat genau diese Funktion, er ist eine Provokation, damit der Gegner unvorsichtig reagiert und sich exponiert. Der Anwender versucht bei seinem Gegenüber eine Reaktion zu provozieren, die er dann kontern und den Gegner so zu Boden bringen kann. Die dritte Regel, die man allerdings in 95% Ihrer Kämpfe nicht braucht, da die meisten Angreifer auf der Straße nicht so ein hohes kämpferisches Niveau besitzen und meist direkt angreifen heißt also:
Man provoziert seinen Gegner mit Kicks und „Fake-Kicks“ (Finten), um Ihn zu unüberlegten Angriffen zu verleiten.
Wenn Sie jetzt glauben, diese drei Merksätze machen Sie unschlagbar, muß Ich Sie leider enttäuschen. Theorie alleine macht noch keinen guten Kämpfer und deswegen ist es die Aufgabe des Grappling Schülers, das alles auszuprobieren. Man sollte mit Boxern, Thai Boxern, Wing Chun Leuten und Karatekas trainieren, um einen Instinkt dafür zu entwickeln, wann man am besten in den Gegner reingeht und Ihn zu Boden wirft. Ein Boxer weiß genau wann er seinen Jab schlagen muß und ein Thai Boxer kennt die richtige Distanz für seinen Low-Kick, genau das muß der Grappler auch tun, er muß ein Gefühl dafür bekommen, wann er mit dem Gegner in den Clinch geht, bzw. Ihn direkt zu Boden wirft ohne dabei von den gegnerischen Angriffen getroffen zu werden.
Bei dieser Art des Kämpfens muß man sein eigenes Ego voll unter Kontrolle haben, ansonsten zahlt man dafür sein Lehrgeld, was manchmal sehr schmerzhaft sein kann. Was Ich meine? Nun, gehen wir davon aus der Grappling Anwender einem guten Kämpfer gegenüber steht. Jemanden der weiß, wie ein Grappler kämpft und sich bestens darauf eingestellt hat. Plötzlich überrascht er ihn, überschreitet den „Sicherheitsabstand“, landet einen guten Treffer mit der Faust und weicht wieder nach hinten aus (er weiß ja das sein Gegenüber ein Grappler ist). Was tun? Vielleicht versucht er Ihm jetzt zu folgen und Ihm in seiner Wut, auch einen Schlag zu verpassen. Der Grappling Kämpfer läßt sich auf einen Boxkampf ein und verliert. Vielleicht springt er auch einfach nur hinter her und versucht sein Gegenüber schnell zu umklammern und zu Boden zu reißen und bekommt dabei ein Knie voll ins Gesicht, daß Ihn direkt ins „Reich der Träume“ befördert.
Solche Reaktionen sind nämlich ziemlich emotional und Ego gesteuert. Wie sollte der Grappling Schüler oder die Grappling Schülerin sich verhalten?
Nun, er hat einen Fehler gemacht, kein Grund zur Panik, man bleibt ruhig, hält den Sicherheitsabstand ein und folgt seiner Kampfstrategie.
Die Strategie ist perfekt, es gibt also keinen Grund Panik zu bekommen, man wartet einfach auf seine nächste Chance, die Distanz zu überbrücken.
Ich vergleiche Kämpfen oft mit Schach, man gewinnt langsam, Zug um Zug, aber manchmal macht man nur einen falschen Zug und verliert alles. Man sollte also nicht überhastet kämpfen, sondern sich immer auch mental auf die Wirksamkeit des Grappling verlassen.
Gehen wir jetzt nochmal genau auf einige technische Feinheiten beim Schließen der Distanz ein. Generell gibt es zwei Arten der Distanzüberbrückung:
1. Das hohe „Reingehen“
Beim hohen „Reingehen“, geht man nach vorne und dabei nur leicht in die Knie. Das Ziel ist es die gegnerische Hüfte zu umklammern, um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen und Ihn dann zu Boden zu werfen. Wichtig bei dieser Art der Distanzüberbrückung ist es, sobald man nahe am Gegner ist, ganz engen Körperkontakt zu halten. Kopf, Brust und Hüfte, „kleben“ regelrecht am Gegner und nehmen Ihm so die Chance effektive Schläge oder Tritte auszuführen. Diese Art der Kontrolle, ähnelt oberflächlich gesehen, dem sogenannten Clinch im Boxen.
Vorteile des hohen „Reingehens“:
- einfach zu erlernen
- falls der Angriff nicht funktioniert, kann man schnell in seine
Verteidigungsposition zurückkehren
- gute Deckung beim Vorwärtsgehen (Eigensicherung)
- hohe Stabilität

2. Das tiefe „Reingehen“
Beim tiefen „Reingehen“,geht man tief in die Knie und startet von dort aus mit einem großen Ausfallschritt. In dieser Position, hat man die Möglichkeit verschiedene Wurftechniken anzusetzen.
Vorteile des tiefen „Reingehens“:
- direkte Wurfmöglichkeiten
- Gegner wird extrem überrascht.
Aus diesen beiden Methoden der Distanzüberbrückung, ergeben sich die verschiedensten Wurftechniken.
Die systematische Distanzüberbrückung ist die Grundlage für das erfolgreiche Anwenden der Bodenkampf-Konzepte. Deshalb nimmt es innerhalb des Grappling einen enormen Stellenwert ein. Einige Menschen glauben immer noch Grappling sei reiner Bodenkampf, aber das ist eine völlig falsche Vorstellung. Grappling ist ein Kampfkonzept, das alle Aspekte des Waffenlosen Zweikampfes im Stand und am Boden behandelt.

     
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